Ev.-Luth. Kirchgemeinde Böhlitz-Ehrenberg
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Böhlitz-Ehrenberg

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Liebe Gemeinde, fällt es schwerer in diesen Ostergruß einzustimmen, gar zu glauben, dass es so ist? Müssen wir doch das Osterfest unter Bedingungen „feiern“, wie sie uns jetzt auferlegt sind. Wir sind in eine Situation gestoßen, die wir nicht auf dem Schirm hatten. Niemand von uns. Eine Situation, die Reaktionen und Verhaltensweisen hervorbringt, die so vielfältig und bunt sind, wie wir. Das Spektrum reicht von übergroßer Vorsicht bis zu Ignoranz, vom offenbaren Zwang zu Hamsterkäufen bis zum trotzigen Festhalten an der Normalität. Erfrischend ist die Vielzahl der Ideen, die Kreativität und der Humor, mit denen dieser Krise begegnet wird. Ebenso das große Maß an Hilfsbereitschaft für diejenigen, die der Unterstützung bedürfen. An dem alten Sprichwort: „Not macht erfinderisch!“ scheint etwas dran zu sein. Und dann ist da noch das Sprichwort: „Not lehrt beten!“ 

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Ostern 2020. Kein Gottesdienst am Gründonnerstag. Keine Andacht zur Sterbestunde. Keine glanzvollen Passionen. Keine Feier der Osternacht. Kein Osterfrühstück. Keine Gottesdienste am Ostersonntag/Ostermontag in gut gefüllten Kirchen. Gibt es in diesem Jahr nur dieses: „Kein …“? 

Es fällt mir schwer, auf all das, was mir lieb ist, verzichten zu müssen und am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag nicht in und mit Ihnen, der Gemeinde, feiern zu können worauf unser Glaube beruht. Doch soll mir dieses „Kein …“ nicht nehmen, was ich mit Ostern verbinde. Und ich hoffe, auch Sie lassen es sich nicht nehmen. Vielmehr will ich nach allem greifen, was Ostern „auch“ ist, und was, ob der Fülle der Osterfeierlichkeiten, an die wir uns gewöhnt haben, etwas aus dem Blick geraten sein könnte. Dass Ostern eben nicht als Massenbewegung begann; nicht mit frohlockenden, sondern mit einer Handvoll verunsicherter, verzagter, erschrockener Menschen. Frauen zuerst, denen ohnehin niemand glaubte. Sind wir in diesem Jahr vielleicht näher dran an jenem ersten Ostern? 

Ostern, das sind auch Kleopas und sein Freund, die Jerusalem in Richtung Emmaus verlassen. Was haben sie auch noch verloren in dieser Stadt, in der mit Jesus auch ihre Träume und Sehnsüchte gekreuzigt und begraben wurden?    

Nur Lukas erzählt diese lebensnahe Geschichte, die für mich zu den anrührenden Erzählungen im Neuen Testament gehört. (Lk 24, 13 – 35). In diesem Jahr fühle ich mich diesen beiden Jüngern besonders nahe. Vielleicht empfinden Sie es ähnlich: Wir wissen, woher wir kommen, was hinter uns liegt. Aber wir wissen nicht, was vor uns ist, worauf wir zugehen, was auf uns zukommt. Wissen wir schon, was wir vermissen, was uns gefehlt hat in der letzten Zeit? Sind Traurigkeit und Müdigkeit, sind Sorgen und Ängste dem Verlust dessen geschuldet, was uns bisher selbstverständlich war? Fehlen uns Leichtigkeit und Gemeinschaft, das Lachen mit anderen, die Stimme, der Blick, die Geste eines vertrauten Menschen? Fehlt uns die gern in Anspruch genommenen Freiheit? Fehlt uns die Fülle der Möglichkeiten, aus denen nach Gusto zu wählen wir uns angewöhnt haben? Fehlt uns der Gottesdienst an einem besonderen, uns lieb gewordenem Ort? Fehlt, was unseren oft rastlosen Alltag eine Pause bescherte, weil wir nun spüren, dass da mehr war, als eine Unterbrechung der Alltäglichkeit? Ist die Straße, die wir jetzt ziehen vielleicht gerade deshalb so staubig, grau und steinig? Antworten auf diese und andere Fragen zu suchen und hoffentlich zu finden, kann lösen von dem, was belastet. Kann befreien aus der engen Sicht der Dinge, die blind macht für die kleine Blume am Straßenrand, unfähig, die Zeichen des Lebens wahrzunehmen. Auch die beiden Jünger werden von solchen oder ähnlichen Fragen geplagt worden sein. 

Ja, Abstand halten schmerzt. Unsicherheit belastet. Unfreiwilliger Verzicht auf Gewohntes macht ärgerlich. Menschen allein lassen zu müssen, ist bitter und macht manchmal auch wütend. Ohnmachtserfahrungen in einer Welt, in der alles möglich schien. Das ist jetzt unser Weg nach Emmaus. Staubig, grau und steinig. Was wir im Überfluss haben ist die Sehnsucht, dieser Weg möge zu Ende gehen und schnell wieder zu einer breiten Straße werden, auf der sich leicht und ungezwungen flanieren lässt. Werden wir das unverändert tun? Was wir in gleichem Maße brauchen ist die Kraft der Hoffnung, die es wagt, ein Ende des Weges herbei zu hoffen. Wir brauchen das Vertrauen, auf diesem Wege nicht allein, nicht gottverlassen zu sein. Wir brauchen jemanden der sich zu uns gesellt. Wir brauchen Ostern!   

Es ist ein alter, wahrer und weiser Satz aus der Seelsorgepraxis: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Das war für die Jünger so. So ist es für mich. Vermutlich wird es auch für Sie so sein. Manchmal sagen Gesten mehr als tausend Worte. „… Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn.“  

Liebe Gemeinde, niemand weiß, wie weit der Weg nach Emmaus ist. Für manche von uns ist er sehr lang. Das will ich nicht wegreden. Und doch will ich fragen, ob nicht, was unerträglich ist, noch unerträglicher würde ohne die Hoffnung, dass ER bei uns bleibt, auch dann, wenn es Abend wird. Gott ist da! Und er ist uns nahe! So nahe, dass er Verzweiflung, Elend, Leid und Tod mit uns teilt. Darauf will, darauf muss ich mich verlassen, will ich den Weg nach Emmaus heil überstehen. So sehr ich Worte und Erklärungen brauche, und so lieb sie mir sind, um Gottes Nähe zu erspüren brauche ich auch ein „handfestes“ Zeichen. Gott schenke, dass wir schon sehr bald wieder in seinem Namen das Brot miteinander brechen und teilen können.

Ostern 2020! Wie kaum zuvor brauchen wir in diesem Jahr die Hoffnung auf das alles verändernde Eingreifen Gottes! Dass diese Hoffnung auch Sie trägt, dass Sie alles, was Sie jetzt belastet, dem gütigen Gott in die Hände legen können, in denen er seinen Sohn durch den Tod getragen hat, das wünscht Ihnen 

Ihr Pfarrer Reinhard Enders

 

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!