Ev.-Luth. Kirchgemeinde Böhlitz-Ehrenberg
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Böhlitz-Ehrenberg

              Andacht zum Sonntag Jubilate, 3. Sonntag nach Ostern

Liebe Gemeinde,

selbstbestimmt leben zu können, das Recht darauf wird gerade in diesen Zeiten massiv eingefordert. Gut, dass dieses Grundbedürfnis von einem Grundrecht gedeckt wird. Interessant ist, aus welchen politischen oder religiösen Ecken am lautesten nach diesem Recht gerufen wird. Güterabwägung? Oft, zu oft, ein Fremdwort.

Auch die lautstarken Rufer übersehen, dass wir in Abhängigkeiten geraten, gegen die Protest wenig erfolgversprechend ist: Weil körperliche und geistige Fähigkeiten nachlassen; weil gesundheitliche Einschränkungen Hilfeleistungen unausweichlich machen; weil wir auf Pflege angewiesen sind; um nur einiges zu nennen. Wir haben Instrumente geschaffen mit denen wir unsere Abhängigkeit zu vermindern trachten. Schon Immanuel Kant spricht vom „despotischen“ Staat, wenn und weil der die Bürger zwinge, nach seinen, des Staates, Vorstellungen glücklich zu werden. Wer möchte den Sozial- und Wohlfahrtsstaat oder Versicherungen missen? Abhängigkeiten werden dadurch nicht geringer. Aber auch das lehrt die gegenwärtige Situation: Hier werden sie gern in Kauf genommen.  Möglicherweise sind wir gar nicht so unabhängig, wie wir sein möchten oder zu sein uns einbilden. 

In die Kerbe „Abhängigkeit“ schlägt auch das Evangelium für diesen Sonntag Jubilate, Joh 15, 1 – 8. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Evangelium 

151 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Ein Bild aus dem agrarischen Leben, das nicht nur Winzern vertraut sein wird. Dieses Bild macht klar: Ohne Weinstock keine Rebe. Der Weinstock versorgt die Rebe mit dem, was ihr lebensnotwendig ist. Die Abhängigkeit könnte größer kaum sein.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Wir sind die Reben. Mögen Sie diese Abhängigkeit so ohne weiteres akzeptieren? Ist, was wir können, sind und haben, nicht eigenes Verdienst, Frucht eigener Mühe und Arbeit? Was wir aus uns gemacht und was wir erreicht haben, worauf wir zurecht stolz sind, das haben wir uns doch redlich erarbeitet. Und wenn wir uns umsehen ist es doch augenscheinlich. Auch Menschen, denen Religion, Gott und Kirche höchst gleichgültig sind, haben durchaus Erfolg. Von wegen: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Worum es im Evangelium geht, das ist schnell zusammengetragen. Weingärtner, Weinstock, Reben. Gott, Christus, Christen. Gott pflanzt Christus, den Weinstock. Dank Christus sind wir Christen, und durch ihn sind wir mit Gott verbunden. So schön und so einfach ist es. Ist es nicht ein wenig zu einfach? Geht es wirklich nur um eine äußere Verhältnisbestimmung? Legt der Satz: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. ...“ nicht vielmehr nahe, dass es um das Innenleben dieses Verhältnisses geht? 

Bleiben oder nicht bleiben, aushalten oder gehen, das ist die Frage. Auch die Frage der Abhängigkeit blitzt wieder auf. „… denn ohne mich könnt ihr nichts tun. ...“. So steht es da, und passt nicht so recht ins Grundgefühl meines Lebens. Das wird anders, wenn ich die Aussage, „… denn ohne mich könnt ihr nichts tun. ...“ so verstehe: Natürlich seid ihr frei zu tun und zu lassen, was euch beliebt. Ob es eurem Leben gut und dienlich ist, mich aus allem Tun und Lassen auszuschließen, das wird sich herausstellen müssen. 

So verstanden tauchte nicht mehr der erhobene Zeigefinger warnend auf, sondern mir böte sich eine ausgestreckte, einladende Hand. Das wäre Evangelium, gute Botschaft. Keine Verpflichtung, vielmehr ein Angebot. Das werbende Angebot: „Bleibe bei mir.  Bleibe in mir. Halte an mir fest, denn damit hältst du an Gott fest, der seinerseits alles hält.“

Bleiben oder nicht bleiben, aushalten oder gehen, das ist die Frage. Keine einfache Frage, sondern eine existentielle Frage, die einen jeden trifft und die sich immer wieder stellt. Sie stellt sich bzgl. der Regelungen, die Grundbedürfnis und Grundrecht einschränken. Sie stellt sich bezüglich meines Verhältnisses zu Christus, zu Gott, zur Kirche. Heißt, bei Christus zu bleiben zwingend, bei der Kirche bleiben zu müssen? 

Bleiben oder nicht bleiben. Jesus wirbt darum, bei ihm zu bleiben, ihm zu vertrauen. Er wirbt darum bei seinen Jüngern, die ihn noch bei sich haben. Er wirbt darum bei uns, die wir ihn nie bei uns hatten. Damit mutet er uns den Gedanken zu, dass es sein könnte, dass wir nicht alles, was wir sind und haben allein uns und unseren Fähigkeiten verdanken. Sondern dass wir uns letztlich in allem dem verdanken, der als Weingärtner von Anfang an gewollt hat, dass es uns geben soll. Damit wir mit ihm in Verbindung blieben, nicht orientierungslos würden oder gar verlorengingen, hat er den Weinstock gepflanzt, an dem wir hängen, der uns nährt und um uns wirbt. Mir ist das ein guter Gedanke, der durchaus etwas mit Selbstbewusstsein und Selbstwert zu tun hat. Wenn ich  gewollt bin, so wie ich bin, kann das helfen, ein mögliches Leiden an sich selbst, an seinen Unzulänglichkeiten, zu akzeptieren. Sich selbst anzunehmen, weil von Gott angenommen, das ist eine gute Voraussetzung, um Frucht zu bringen.       

Bleiben oder nicht bleiben. Das dürfte, je älter wir werden, auch eine Frage im Blick auf das Ende des Lebens sein. Will ich noch bleiben, wenn ich nicht mehr selbstbestimmt leben kann? Wird etwas von mir bleiben, wenn mein Leben zu Ende geht? Wird dann etwas für mich bleiben? Mit anderen Worten: Gibt es ein Danach? Kommt dann noch etwas, oder war's das? Auch in diesen und ähnlich gelagerten Fragen an Christus bleiben zu können, ihm zu vertrauen, ist ein Geschenk, das jedem zu wünschen ist. 

„Wer an mit bleibt...“, hat er gesagt. Das heißt, an dem zu bleiben, der gekreuzigt wurde. An dem, der das alles kennt: Die Angst, das Leid, den Schmerz, den Tod. Es heißt aber auch, an dem zu bleiben, der auferstanden ist. An ihm, dem Auferstandenen, bleiben wir als an dem, der erfahren hat, dass es etwas gibt, das nach dem Tod kommt. Diese Erfahrung hat er uns voraus. Uns bleiben Hoffnung und Vertrauen, dass solches auch uns zuteilwerde. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen werden einmal stärker und einmal schwächer sein. Wenn uns Hoffnung und Vertrauen durch die Finger gleiten, wenn es uns schwer wird, an ihm zu bleiben, wird er uns nicht verstoßen. Er wird uns vermissen. Dass er das Vermisste suchen wird, das allerdings hat er versprochen. 

Ihr Pfarrer Reinhard Enders

          Andacht zum Sonntag Misericordias Domini,        2. Sonntag nach Ostern

Zwei Charaktere bestimmen diesen Sonntag. Der gute Hirte und der Mietling. Schauen Sie sich einmal in Ihrer Welt um. Es gibt sie doch beide, oder? Die guten Hirten sind vielleicht etwas spärlicher gesät. Aber Mietlinge? Sie bevölkern unseren Alltag so zahlreich, dass sie uns schon gar nicht mehr auffallen. Oder wir wollen sie gar nicht sehen. Mies bezahlte, lange Stunden arbeitende Menschen. Angemietet von Subunternehmern, die Subunternehmer von Subunternehmern sind. Die sind die Vorletzten. Die Letzten beißen die Hunde. Unwürdige Verhältnisse. Was für eine Gesellschaft, deren Wohlstand auch darauf beruht, dass es diese Mietlinge gibt. In den Textilfabriken Asiens, in den Minen Afrikas, in den Tagebauen Lateinamerikas. Und, wie wir jüngst gelernt haben, auch auf den Feldern und Plantagen hierzulande. Ohne sie geht es nicht mehr. Sie scheinen so „systemrelevant“, dass ihnen sogar die Passage durch für andere gesperrte Grenzen ermöglicht wird. Von diesen modernen Mietlingen redet Johannes freilich nicht. Aber die gibt es eben auch. Auch jene, die sich mit ihrem job nicht identifizieren, tun, was von ihnen verlangt wird, aber auch nicht mehr, manchmal weniger.   

Sind die Protagonisten von „Fridays for Future“, „Attac“ oder „Greenpeace“, Bürgerinitiativen, Menschenrechtsaktivisten, oder Globalisierungsgegner die lupenreinen guten Hirten? Die Gegenüberstellung ist holzschnittartig und mag auch fragwürdig sein. Es soll nur deutlich machen, dass eine schwarz- weiß- Malerei, wie so oft, auch hier zu einfach ist. Es ist wohlfeil, den Mietling in Bausch und Bogen als benachteiligt anzusehen oder zu verurteilen. Wie es dem Ernst der Lage nicht gerecht wird, in allen kapitalismuskritischen Denkschulen und Aktionen Gralshüter des Paradieses zu sehen. Beides will ich nicht. Auch, weil ich es nicht für sachgerecht halte. Hier darf getrost weitergedacht werden. 

Wie so viele Bilder, hat auch das vom guten Hirten, den Schafen, dem Wolf und dem Mietling, seine Grenzen. Einerseits ruft es Erfahrungen von Bewahrung und Geborgenheit in Erinnerung, lässt Wünsche und Phantasien entstehen. Ein gutes Bild. Auf der anderen Seite weckt das Bild des Wolfes archaische Ängste. Leben ist bedroht. Die Ängste sind real, die Bedrohung ist real, das Ausgeliefertsein ist real. Unser derzeitiger Wolf heißt Corona. 

Natürlich geht es Johannes nicht um Schafe und Wölfe, Hirten und Mietlinge. Es geht ihm um den Auferstandenen und diejenigen, die zu ihm gehören, die zu ihm gehören wollen, oder die sich gegen ihn stellen. Johannes zufolge hindert der Tod des Hirten die Zerstreuung der Herde nicht. (Matthäus befürchtet das.). Nun machen wir freilich die Erfahrung, dass uns niemand schützt und bewahrt. Dass wir allen möglichen Gefahren schutzlos ausgesetzt sind, ausgeliefert der Willkür, der Bosheit und den Mächten, die in unserem Leben Chaos anrichten. Keiner ist da, der uns vor aller Gefahr behütete. Keiner, der mir den rechten Weg zeigte. Ich gehe in die Irre und muss meine Fehler machen. Soweit die eine Seite. 

Gott sei Dank machen wir andererseits aber auch beglückende Erfahrungen. Wir finden Erfüllung im ganz Alltäglichen. Wir haben immer noch etwas zu lachen. Wir sind noch gesund und am Leben. Wir ahnen, was das sein könnte: Glück. Manches gelingt. Wir spüren Verständnis, wissen uns gebraucht und geliebt. Und das alles, ohne dass wir es selbst hätten „machen“ können. 

Es gibt die Momente, in denen einem schlagartig deutlich wird: Hier hatte ein Engel seine Flügel dazwischen. Hier hat einer auf dich aufgepasst, einer, der dich kennt, einer dem du wichtig und sehr viel wert sein musst. Alles Zufall? Das ist mir zu dünn. Sich in seiner Ohnmacht und Unvollkommenheit solcherart behütet und bewahrt zu fühlen, durchgeschüttelt aber festgehalten auf der Buckelpiste des Lebens, auch diese Erfahrungen machen das alltägliche Leben aus. Hier greift es dann doch wieder, das Bild vom guten Hirten. Mit der Erfahrung von Geborgenheit und Bewahrung lässt sich leben. Trotz und in aller Angst, die uns begleiten wird, solange unser Leben währt, und wir noch etwas vom Leben erwarten. Beide Erfahrungen sind gegenwärtig: Keiner ist da, der uns vor aller Gefahr behütet. Und auch: Einer ist da, der uns in aller Gefahr nicht von der Seite weicht, der uns birgt in aller Ungeborgenheit, der uns schützt in aller Schutzlosigkeit. Es sind wohl diese Momente, in denen Gott vernehmlich zu uns spricht. Momente, in denen er besonders deutlich macht, dass er der gute Hirte ist, und nicht der Mietling. Dass wir ihm am Herzen liegen. Dass wir zu ihm gehören. Nicht, weil wir uns ihn als unseren Hirten ausgesucht hätten, sondern, weil er sich uns als Herde gesucht hat. Damit sagt der gute Hirte, dass wir ihm etwas wert sind. Nicht nur etwas, sondern ganz viel. Sein Leben.

Gerade in dieser Zeit wünsch ich Ihnen das von Erfahrung gedeckte Vertrauen, dass Gott in aller Gefahr da ist. Damit Sie einstimmen können in den Pslamvers, der diesem Sonntag - Misericordias Domini - seinen Namen gibt: 

„Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;…“

Ihr Pfarrer Reinhard Enders

Andacht zum Sonntag Quasimodogeniti,             19. April 2020  

„Zweifeln erlaubt, Verzweifeln nicht nötig!“ 

 

Liebe Gemeinde,

als Grundlage für die Andacht nehme ich das Evangelium dieses Sonntags. Es steht bei Johannes im 20. Kapitel und trägt die Überschrift „Vom ungläubigen Thomas“.

 

Nach seiner Auferstehung erschien Jesus seinen Jüngern. Dabei zeigte er ihnen seine Wunden. Thomas war nicht dabei. Man erzählte ihm das wunderbare Ereignis. Er konnte es jedoch nicht glauben. Thomas wollte seine Finger in Jesu Nägelmale und seine Hand in Jesu Seitenwunde legen. Eine Woche später kam Jesus wieder. Er ging direkt auf Thomas zu und zeigte ihm seine Wunden, damit dieser sie berühren konnte. Da fiel Thomas zu Jesu Füßen nieder und sprach: „Mein Herr und mein Gott.“ Jesus sagte zu ihm: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“  

 

Auf den ersten Blick könnte man bei Thomas denken: Was ist das für ein Mensch? Er hat Jesu Wunder gesehen und seine Macht erlebt. Er war dabei, als Jesus einen Lazarus aus dem Grab holte. Warum glaubt Thomas seinen Freunden nicht einfach? Hat er kein Vertrauen zu ihnen? 

Doch Thomas besaß ebenfalls Lebenserfahrung. Er wusste, im Normalfall kommt kein Mensch aus dem Grab. Vielleicht dachte er in seiner großen Trauer auch nicht an Lazarus. Aus diesem Grunde möchte er einen Beweis und diesen Gedanken spricht Thomas laut aus. – Kommt er uns damit nicht sehr nahe?

 

Auch wir hörten über Jesus meistens von den uns liebsten Menschen, nämlich Eltern oder Großeltern, manchmal Freunden. Als Kinder nahmen wir den Glauben gerne im Vertrauen an. Doch irgendwann wollten auch wir Beweise. Häufig passierte das in der Jugendzeit, manchmal am Grab eines geliebten Menschen. Hatten wir dann den Mut, unsere Forderung so laut auszusprechen wie Thomas? 

 

Ich selbst scheute mich in meiner Jugendzeit erst einmal, auch meine Zweifel auszusprechen. Schließlich tat ich es doch. Viele Jahre danach schrie ich an einem Grab in meinem Inneren zu Gott um ein Zeichen. Beide Male antwortete Gott. In meiner Jugendzeit gab er mir seinen Frieden, so wie Jesus die Jünger mit: „Friede sei mit euch!“ begrüßte. Darauf musste ich etwas warten, so wie Thomas. Am Grab sprach Gott auf eine andere Weise zu mir.

 

Auf uns trifft zu, dass wir zuerst glauben müssen, bevor wir Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Jedoch verspricht er uns in seinem Wort uns zu hören, wenn wir ihn bitten. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Jesus erfahren. Sollten Sie es sich bis jetzt nicht getraut haben und sich wie „der ungläubige Thomas“ fühlen, dann sprechen Sie ihren Wunsch einfach aus. Bedenken Sie, dass Thomas etwas warten musste und seien Sie aufmerksam.

Ruth Kaube

Unser Gemeindeglied Frau Ruth Kaube hat vor kurzem eine Lektorenausbildung der sächsischen Landeskirche absolviert.

Andacht zum Ostersonntag, 12. April 2020  

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! 

Liebe Gemeinde, diesen Ostergruß am Beginn unseres Ostergottesdienstes mit Ihnen zu tauschen, darauf habe ich mich gefreut! Nun soll es so nicht sein. Tauschen wir ihn also unverzagt auf diesem Wege. Das nimmt dem Gruß nichts von seiner Wahrheit. Aber es beraubt ihn seiner persönlichen Direktheit. Die Freude, das Angerührt sein von der Kraft dieser Botschaft in den Augen des Menschen zu sehen, der uns gegenüber ist, versichert uns auf unaussprechliche Weise seiner Wichtigkeit für unser Leben. Denn daran hängt doch alles: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Gott hat Jesus auferweckt. Daran halten wir fest. Daran halten wir uns fest, wenn wir vom Tod betroffen sind. Menschen sterben. In welcher Zahl und unter welchen Umständen das geschehen kann, hören und sehen wir in dieser Zeit auf Schritt und Tritt. Gott streicht also den Tod als wohl bitterste Zäsur in unserem Dasein nicht durch. Wohl aber streicht er mit der Auferweckung seines Sohnes die Aussage durch, dass das Ende das Ende ist. Vielmehrt liegt im Ende ein Anfang. Damit will er freilich gerade eines nicht: Dass wir von dem hellen Licht eines Lebens nach dem Tod blind werden für die vielen Tode von denen wirkliches Leben im Diesseits bedroht ist. Der Status quo, in dem sich unsere Welt im Großen und oft genug auch im Kleinen befindet, darauf werden wir uns verständigen können, ist inakzeptabel. Wenn die Osterbotschaft nur das hervorbrächte: Unsere Dankbarkeit für die letztliche Endlosigkeit unserer Existenz, dann sollte uns daraus der Wille und die Kraft erwachsen, diesen status quo nicht länger hinnehmen zu wollen. Auferstehung im Diesseits. Bei aller notwendigen und wichtigen Fürbitte sollten wir nicht vergessen, Gott zu bitten, uns den Willen zu stärken und die nötige Kraft zu verleihen, die für die Auferstehung von der Bedrohung durch die vielen Tode nötig ist, die uns bedrohen und für die wir zum Teil selbst verantwortlich sind. Gott schenke uns Ermutigung und Weitsicht, den rechten Gebrauch der uns verliehenen Vernunft, die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden und Leid zu mindern und die Besinnung auf das, was wir brauchen, um ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. Verändert die Corona-Pandemie unseren Blick auf Ostern? Sie sind doch da, die Sorgen und Ängste, die uns in Anbetracht der Zahlen und Bilder von den Auswirkungen dieser unsichtbaren Geisel befallen. Dabei ahnen wir deren Ausmaß vermutlich noch gar nicht. Oder ist sie nicht gegenwärtig, die Frage: Was, wenn sich ein mir lieber Mensch infiziert? Wenn er möglicherweise sehr ernsthaft krank wird und ich ihn nicht mehr sehen, ihn nicht mehr berühren, ihm nicht mehr sagen kann, was er mir bedeutet und wofür ich ihn um Vergebung bitte? Was, wenn ich selbst schwer erkranke und meine Angelegenheiten nicht geordnet habe, weil ich immer meinte, dass dafür noch hinreichend Zeit sei?    

Was bedeutet die Auferstehungsbotschaft, die Botschaft von einem Leben, das den Tod überwindet, in diesem Jahr für uns? Jetzt, unter den obwaltenden Bedingungen, durch die uns Vieles des uns am Osterfest Liebgewordenen aus den Händen geschlagen ist? Finden wir und weniger abgelenkt durch das, was Kultur und Tradition und bieten, sondern vielmehr zurückgeworfen auf uns selbst. Hilft uns das eventuell sogar, jene Tode deutlicher zu erkennen, die wir bisher gar nicht als solche wahrgenommen haben? Den Tod, der darin liegt, als selbstverständlich erachtet und deshalb möglicherweise weniger wertgeschätzt haben, was gar nicht selbstverständlich ist: Gemeinschaft, Nähe und Liebe, die andere mir entgegenbringen. Die Geduld, mit der sie mich und meine Eigenheiten ertragen. Die Möglichkeit, wann immer ich will mit Menschen zusammenzukommen, die mir lieb sind. Plötzlich ist uns das verwehrt. Wird sie uns bleiben, die Erkenntnis, dass unsere wertvollsten Momente jene sind, die wir mit lieben Menschen geteilt haben? Gott, hilf uns zur Auferstehung! 

Den Tod auch, der darin liegt, dem Gedanken auf den Leim gegangen zu sein, Glück hinge von unserem Wohlstand ab. Haben wir nicht schon mehr als wir brauchen? Liegt größeres Glück darin, noch mehr zu haben, was wir nicht brauchen? Unser Wohlstand ist zweifelsohne angenehm und wir haben und daran gewöhnt. Ganz abgesehen von den Folgen, den er für jene hat, die außer uns einen hohen Preis dafür zahlen, kostet er uns, was nicht für Geld zu haben ist: Lebenszeit. Lebenszeit die wir im Hamsterrad des Gelderwerbs zubringen, statt bei einem Spaziergang. Die wir in Bildschirme starren, statt einen Sonnenuntergang zu beobachten. Die wir vergeuden indem wir billigem Glück hinterherhetzen, statt es aus dem Wunder eines Regenbogens zu ziehen. Gott, hilf uns zur Auferstehung!

Oder den Tod, den wir unweigerlich über unsere Kinder und Enkel bringen, wenn wir nicht ernsthaft beginnen, unseren Lebensstil betreffende Fragen wenigstens zuzulassen. Zu fragen, was wir anrichten, wenn wir weiterhin so tun, als wären die Ressourcen unendlich; wenn wir meinen, alle Probleme, die wir schaffen, mit neu ersonnenen Technologien zu lösen, weshalb wir uns nicht ändern müssen; wenn wir nicht fragen, ob unsere kulturellen und ethischen Werte wirklich das non plus ultra sind; wenn wir nicht beginnen das zu leben, was wir aus dem Leben des Auferstandenen wissen (sollten). Gott, hilf uns zur Auferstehung!

Ostern, liebe Gemeinde, in diesem Jahr ist es ganz anders. Das lenkt auch meine Gedanken in eine Richtung, die zunächst wenig österlich erscheinen mag. Und doch will ich gerade jetzt auch in dieser Weise darüber nachdenken, was gemeint sein könnte mit Auferstehung. Wir müssen aufstehen gegen die vielen Tode die uns am Leben hindern. Gegen die vielen Tode, die das Überleben unserer Nachkommen und der Welt in Frage stellen. Ostern ist jetzt. Heute! 

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden. Gott, hilf uns zur Auferstehung! Hier und jetzt. Und dermaleinst.

Liebe Gemeinde, mit diesen etwas andern Gedanken wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest! Ostern hat alles verändert. Zum Guten! Ostern will alles verändern. Auch uns. Und auch zum Guten. Lassen wir uns ein auf die gute Botschaft vom Leben nach dem Tod und ihre Kraft, um tätig zu werden für ein Leben vor dem Tod. Das wünscht Ihnen und sich selbst,

Ihr Pfarrer Reinhard  Enders

Andacht zum Sonntag Palmarum, 05. April 2020   6. Sonntag der Passionszeit

Nun stehen wir am Beginn der Karwoche, liebe Gemeinde! Auch jene Optimisten, die gehofft hatten, das Osterfest nicht ohne jeglichen Gottesdienst „feiern“ zu müssen, sehen sich jetzt enttäuscht. Keine Gottesdienste in Böhlitz-Ehrenberg! Unter den gegebenen Bedingungen sind wir das einander schuldig und alles andere hielte ich für verantwortungslos. Kein Gottesdienst am Gründonnerstag, am Karfreitag nicht und auch nicht am Oster-Sonntag. Mit dem Kopf wissen wir es. Mit dem Herzen weniger. Es ist so unwirklich. Ja, die Glocken werden läuten. Ihr vertrauter Klang, der üblicherweise den Beginn des Gottesdienstes oder eine Gebetszeit anzeigt, mag uns jetzt in besonderer Weise berühren. Möglicherweise werden wir gewahr, dass uns etwas fehlt. 

In den letzten Jahren war es wieder in Mode gekommen, das Fasten. Viele Menschen haben sich etwas gesucht, worauf sie sieben Wochen lang verzichten wollten. Das reicht von Süßigkeiten über Alkohol, Fleisch, Zigaretten bis zu Medien. Immer war die Abstinenz freiwillig. Verfehlungen mögen am eigenen Selbstwert gekratzt haben, strafwürdig waren sie nie. Auch kenne ich niemanden, der für sieben Wochen auf soziale Aktivitäten verzichtet hätte oder auf die Nähe zu Eltern oder Kindern, Verwandten oder Freunden, Kranken oder Einsamen. Das alles ist jetzt gefordert. Passionszeit einmal sehr, sehr anders. Es scheint, als würde uns die Besinnung darauf, was uns wirklich wertvoll ist, was Gewicht hat in unserem Leben, worauf wir freiwillig nicht verzichten wollen, aufgezwungen. Niemand hat je daran gedacht, solcherart Verzicht einzuüben. Warum auch? Schließlich sind wir doch soziale Wesen, angewiesen auf die Nähe unserer Mitmenschen, auf den Austausch von Gedanken und Zärtlichkeiten, auf das Gefühl, verstanden und geliebt zu werden, auf die Freude, anderen Freude zu bereiten. Allein die Tatsache, andere Menschen in der Nähe zu wissen, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Irgendwo ganz allein zu sein, ängstigt. Wir fühlen uns wohl, wenn wir vertraute Menschen um uns haben. Einsamkeit macht bitter und krank.

Darum ist es so wichtig, gerade in dieser Zeit, in der Menschen zu vereinsamen drohen, in der sie von Ängsten geplagt werden, in der ihnen ein Verzicht aufgezwungen ist, dem sie sich freiwillig nie unterworfen hätten, Solidarität, Mitgefühl, Gemeinsinn und gegenseitige Verantwortung zu zeigen. Das allerdings mit gebotener Vor- und Rücksicht. Leichtfertigkeit ist nur anders schlimm, als vermeintliches Heldentum.

In einem Schreiben Martin Luthers von 1527 an Johann Hess und seine Kollegen in Breslau, findet sich folgender Abschnitt:  

„… so will ich Gott bitten, dass er uns gnädig sei und bleibe. Sodann will ich ausräuchern, helfen, die Luft zu reinigen, Arznei geben und nehmen, Orte und Personen, da man meiner nicht bedarf, meiden, damit ich selbst nicht infiziert werde und ich vielleicht dadurch vielen anderen Leid zufüge und sie verseuche und so durch meine Unachtsamkeit ihren Tod verschulde. 

Will mich mein Gott aber zu sich nehmen, wird er mich zweifellos finden. Ich aber habe doch getan, was er mir zu tun aufgetragen hat und bin so weder an meinem eigenen, noch an anderer Leute Tod schuldig.

Wenn aber mein Nächster meiner bedarf, werde ich weder Ort noch Person meiden, sondern freimütig zu ihm gehen und ihm helfen, wie ich oben gesagt habe. Siehe das ist ein rechter, gottesfürchtiger Glaube, der weder unverfroren noch verwegen ist und auch Gott nicht versucht. …“

(Übersetzungsversuch ins Neuhochdeutsche: R. Enders)

Martin Luther, „… eine gar schöne, christliche, tröstliche Schrift … an den würdigen Herrn Johann Hessen, Doktor und Pfarrherr zu Breslau…“: Ob man fur dem sterben fliehen möge. Martinus Luther. Gedruckt zu Leipzig durch Georg Hantzsch. Anno M. D. LII.

Luthers Schreiben an Johann Hess und seine Kollegen, "Ob man vor dem Sterben fliehen möge", 1527, (WA 23, 338-379). Das sehr lesenswerte Schreiben Luthers an Johann Hess ist zu finden unter: https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb1

Sonntag Palmarum, Beginn der Karwoche, der stillen Woche der Passionszeit. Nach unserer Lesart der biblischen Berichte, liebe Gemeinde, kommt Jesus an diesem Tag nach Jerusalem, um dort das Passah-Fest zu feiern. Ein Fest, das nach Gemeinschaft ruft und ausgelassen gefeiert wird. Passah, Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Eine Befreiung, die nicht nur damals dem Volk, sondern die bis heute jedem zuteil wird, der Passah feiert. So weit, so gut. Im Passah-Fest, das Jesus damals feierte, zeigt sich auch eine andere Seite. Dass es nämlich möglich ist, in Gemeinschaft einsam zu sein. Erst recht, wenn diese Gemeinschaft zwangsweise für eine Zeit aufgegeben werden muss.

Der Gefahr der Vereinsamung, auch der geistlichen Vereinsamung, wollen wir etwas entgegensetzen. Wir laden Sie herzlich ein, an jeden Tag der Karwoche einen biblischen Bericht zu lesen. Zwangsläufig getrennt aber im Herzen und im Geiste gemeinsam. Vielleicht tut Ihnen der Gedanke gut, dass zu gleichen Zeit in verschiedenen Wohnungen und Häusern eine Kerze entzündet, in der Bibel gelesen und gebetet wird. Angaben zu den vorgeschlagenen Texten finden Sie …

Jesus, wie auch die Frauen und Männer, die um ihn waren, haben in den Tagen vor Passah, während des Festes und danach eine ganz eigene Zeit durchlebt, die für jeden anders gefüllt war und anders verlaufen ist. Keiner ist unverändert geblieben. 

Wird diese Passionszeit uns unverändert lassen?       

Bleiben Sie behütet! Bleiben Sie zu Hause! Bleiben Sie gesund! Gott bewahre und segne Sie! Ihr Pfr. Reinhard Enders

Andacht zum Sonntag Judika, 29. März 2020

29. März 2020

Liebe Gemeinde,

In unseren Tagen entstehen viele Ängste. Aktuell sind es vor allem die Ängste, die mit der Pandemie zusammenhängen: Werde ich mich infizieren und wie schwer wird die Krankheit bei mir verlaufen? Wird sich jemand aus meiner Familie anstecken? Kaum ein Lebensgebiet wird nicht davon berührt. 

Die Probleme, die der Klimawandel bringt, treten momentan in den Hintergrund. Doch der viel zu warme Winter lässt fürchten, dass die generelle Erwärmung weitergeht. Werden wir und die Natur noch mehr unter der entstehenden Trockenheit zu leiden haben?

Jesus sagte, dass es bevor er wiederkommt viele Schrecken und Ängste geben wird. Im Lukasevangelium ist einiges aufgeschrieben, was geschehen soll. Bei Lukas 21/28 fügte er hinzu: Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Unsere Situation gleicht der, wenn man in ein Tal hinab muss, das dunkel ist, aber man sieht, dass vom Talausgang her ein helles Licht entgegenkommt. Dieses Licht gibt eine Orientierung und eine Hoffnung. Wir wünschen uns, dass uns dieses Licht aus der Dunkelheit herausholt. Dass alles wieder so wird, wie es war. Aber wahrscheinlich wird die Zeit nach der Pandemie nicht so sein wie die Zeit davor. 

Die Erlösung, die im Bibeltext gemeint ist, ist wie eine tiefgreifende, alles umfassende Befreiung. Nicht nur von der Not, in der wir stehen. Für mich reicht sie weiter. Drei Seiten möchte ich hervorheben:

Die erste Seite ist, dass ich dann Gott sehe und erlebe, wer er ist: Der Schöpfer dieser Welt und der Retter, der diese Welt liebt. 

Die zweite Seite ist, dass ich mich erkenne und begreife, wer ich bin: Einer, der sich müht durch den Tag zu kommen und möglichst niemand weh zu tun und ab und zu etwas Spaß zu haben. Andere werden ihr Leben anders beschreiben: heller oder dunkler, enthusiastischer oder niedergeschlagener. Aber das Wichtige ist, dass Jesus kommt. Jesus, der auferstanden ist und dem Leben einen Sinn geben kann. Das befreit, das hilft den Kopf zu heben und von dem wegzusehen, wo ich meine Schwierigkeiten und Probleme habe. Ich kann seine Vergebung annehmen.

Als dritte Seite sehe ich die Menschen in meiner Umgebung, für die ich ein gewisses Maß an Verantwortung habe. Das Licht dieser Erlösung lässt mich auch meinen Nächsten bewusster wahrnehmen. Ihn zu lieben wie mich selbst, heißt gerade jetzt, sich anderen zuzuwenden. Auch wenn die Türen wegen der Regeln zur Infektionsvorsorge verschlossen sind, so gibt es doch viele Möglichkeiten, anderen zu helfen und ihnen nahe zu sein, sei es durch Einkaufen, Schreiben, Anrufen …

Weil sich unsere Erlösung naht, können wir unseren Blick heben. Wir brauchen uns nicht mehr von den Schrecknissen unserer Zeit bedrängen lassen und können die sehen, die unsere Hilfe brauchen. Wir können uns darauf freuen, dass Jesus zu uns kommt. Diese Zusage haben wir. Amen.                                                                                    Matthias Bauer

Unser Gemeindeglied Herr Matthias Bauer hat vor kurzem eine Lektorenausbildung der sächsischen Landeskirche absolviert.

Andacht zum Sonntag Lätare, 22. März 2020

22. März 2020, 2. Sonntag ohne Gottesdienst

Liebe Gemeinde, müssen wir uns an eine neue Zählung gewöhnen? Statt 4. / 5.  Sonntag in der Passionszeit, 2./3. Sonntag ohne Gottesdienst? Zur Stunde weiß niemand, wie lange wir diese Zählung fortführen müssen. Müssen wir? Sind nicht gottesdienstliche Handlungen auf besondere Weise geschützt? Sozusagen Räume, in denen nichts Böses geschehen kann, in denen folglich auch jegliche Ansteckungsgefahr gebannt ist? Diese Meinung gibt es, ausdrücklich will ich aber sagen, dass ich diese Meinung nicht teile. Zugleich kommt ihr das Recht zu, geäußert zu werden. Es steht sogar zu erwarten, dass sich deren Vertreter auf die gleiche Bibelstelle berufen könnten, die ich für meine Sicht heranziehe: „Suchet der Stadt Bestes, …, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“ (Jeremia 29,7)

„Suchet der Stadt Bestes, …,“. Der Stadt Bestes dürfte gegenwärtig sein, die Zahl der Infektionen so gering wie möglich zu halten. Diejenigen, die dem Vernehmen nach besonders gefährdet sind, Alte, Kranke, Schwache und all jene, die für unser Wohl und unsere Sicherheit arbeiten, Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Polizisten, Feuerwehrleute, Bus- und Bahnfahrer, … zu schützen. Aber wie andere und mich selbst schützen vor etwas, das ich nicht sehe oder rieche, nicht schmecke oder fühle? Mit Gottvertrauen. Ohne Zweifel. Gesundes Gottvertrauen hilft, nicht panisch zu werden, beherzt und besonnen zu bleiben. Aber auch der gottgegebene, gesunde Menschenverstand dürfte helfen. Gut wird sein, jenen zu vertrauen, die mehr wissen, als ich. Die Übertragungsketten verstehen und denen ich zutraue, den Ernst der Lage erfasst zu haben. Die letzten Tage waren an Dramatik kaum zu überbieten. Fast stündlich neue Richtlinien und Anweisungen, Restriktionen und Ratschläge, Forderungen und Verbote. Ob zu spät oder übertrieben, das alles steht jetzt nicht zur Debatte. Gleichwohl ist es ungewohnt, stößt auf Unverständnis und Widerstand. Verschwörungstheorien sprießen. Verantwortung und Mitgefühl bleiben auf der Strecke. Der Tanz auf dem Vulkan scheint der ultimative Kick. Werden gebetsmühlenartig wiederholte Appelle daran etwas ändern? Wird es ohne drastischere Einschränkungen und Verbote abgehen? Werden die Menschen einen Sinn dafür entwickeln können, was der Stadt Bestes ist? Viel Zeit bleibt nicht.

„Suchet der Stadt Bestes, …, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“ 

Es wird uns wohlgehen, wenn das Gesundheitssystem in unserer Stadt und unserem Land nicht überhitzt. Wenn Ärzte und Pflegende bei aller Anspannung Zeit finden, sich zu erholen; wenn die nötigst Infrastruktur am Laufen bleiben kann. „Suchet der Stadt Bestes,…“. Das Beste ist, die ernste Lage auch ernst zu nehmen. Das Beste ist, den Rat von Sachverständigen zu folgen. Abstand zu halten. Soziale Kontakt zu beschränken. Sollte es tatsächlich nicht helfen, es wird uns nicht schaden. Das Beste ist, nicht in Panik zu verfallen, nicht den Menschen neben mir zu vergessen. Das Beste ist, Verantwortung füreinander zu übernehmen, zu helfen wo es möglich ist, auch aus der Ferne, mit einem freundlichen aufmunternden Wort, einem Lächeln, auch auf die andere Straßenseite, mit einem Einkauf, einer Besorgung. Das Beste ist, Egoismus und Unvernunft, Aggression und das Gefühl, unverletzlich zu sein, beiseite zu lassen. Das Beste ist, für die zu beten, die vor lauter Anspannung und Druck, vor Erschöpfung und Müdigkeit dazu nicht mehr kommen. Das Beste ist, zu beten und im Rahmen des Möglichen zu handeln. Und sollten wir aufgrund der Situation jetzt nicht gemeinsam beten können, Gott hört jedes einzelne Gebet. Ganz gleich, wo es gesprochen wird. Beten wir auch für unseren Gott.

„Suchet der Stadt Bestes, …, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“                                                                Pfarrer Reinhard Enders